Bestandssignatur

4-94-433

Laufzeit

1969 - 1993

Umfang

12,7 lfm

Findmittel

Online-Findbuch

Inhalt

Einleitung

Geschichte der Südthüringer Möbelindustrie

Die Südthüringer Möbelindustrie wurzelt in einer langen handwerklichen und kleinbetrieblichen Tradition des Holzgewerbes. Seit dem 19. Jahrhundert entstanden in Orten wie Themar Tischlereien und Möbelfabriken, die lokale Produktionsnetzwerke bildeten und die Grundlage für spätere größere Einheiten schufen. Die Vorläuferstrukturen bestanden aus handwerklichen Familienbetrieben und privaten Möbelfabriken, die nach 1945 in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) weitgehend enteignet, zusammengeführt oder in Volkseigene Betriebe (VEB) überführt wurden. Dadurch entstanden die betrieblichen Spezialisierungen (etwa Polster-, Stil- oder Küchenmöbel), auf denen die spätere Kombinatsorganisation aufbaute. Innerhalb der DDR-Verwaltung war die südthüringische Möbelproduktion fest in die zentralisierte Leitung eingebunden. Die Betriebe wurden zunächst Produktionsverbänden und später, ab den späten 1970er Jahren, Kombinaten zugeordnet. Das VEB Thüringer Möbelkombinat Suhl fungierte dabei als Leitbetrieb für zahlreiche Kombinatsbetriebe und unterstand dem zuständigen Ministerium sowie den bezirksgeleiteten Organen.
Rechtliche Grundlage bildeten die staatlichen Regelungen für volkseigene Betriebe und Kombinate, insbesondere die Verordnungen und Gesetze der späten 1970er Jahre, welche das Kombinat als grundlegende Wirtschaftseinheit institutionalisierten und die Einbindung in die zentralen Planvorgaben regelten. Die Arbeitsweise war durch die Planwirtschaft bestimmt. Produktionsprogramme und Materialzuweisungen erfolgten nach staatlichen Vorgaben, während ein institutionalisierter Apparat für Forschung, Konstruktion und Markterprobung die Produktentwicklung an Plananforderungen und Exportchancen ausrichtete. Brüche in der Entwicklung ergaben sich durch die Umorganisation der Produktionsverbände zu Kombinaten in den späten 1970er Jahren und durch die politischen sowie ökonomischen Umwälzungen 1989/90. Typisch für Südthüringen war die hohe regionale Konzentration der Möbelproduktion (darunter Suhl, Themar), die Spezialisierung einzelner Betriebe auf exportorientierte Segmente sowie die Kontinuität handwerklicher Fertigung trotz Industrialisierung. Die Auflösung der Kombinate und die Privatisierung nach 1990 führten zu vielfältigen Nachfolgestrukturen. Einige VEBs wurden in GmbHs oder Holdinggesellschaften überführt. Manche Betriebe überstanden die Transformation, andere gingen in Insolvenz.

Geschichte des VEB Thüringer Möbelkombinates Suhl

Das VEB Thüringer Möbelkombinat Suhl wurde am 1. Oktober 1979 im Rahmen der Strukturreform der DDR-Möbelindustrie gebildet. Gründungsgrundlagen waren Beschlüsse des Zentralkomitees (ZK) der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und ministerielle Maßnahmenpläne im Bereich des Ministeriums für bezirksgeleitete Industrie und Lebensmittelindustrie (MBL) zur Zentralisierung, Konzentration und Rationalisierung der DDR-Möbelindustrie. Das Kombinat fungierte in den 1980er Jahren als organisatorisches und wirtschaftliches Zentrum der Möbelproduktion in Südthüringen. Ihm waren anfänglich insgesamt 59 Betriebe aus den Bezirken Erfurt und Suhl zugeordnet, darunter der VEB Südthüringer Möbelwerke Themar, die VEB Möbelwerke Erfurt und Weißensee, der VEB Mechanisierung, der VEB Stilmöbel Barchfeld sowie spezialisierte Zulieferbetriebe für Gestelle, Glas, Spiegel, Kunststoffe, Möbelteile und Beschläge. 1979 beschäftigten diese Betriebe insgesamt 10.839 Werktätige und erzielten eine Warenproduktion von 831,3 Mio. Mark. Das Kombinat unterstand dem Ministerium für bezirksgeleitete Industrie und Lebensmittelindustrie und handelte auf Grundlage des VEB-Gesetzes vom 16. Juni 1979 sowie der Verordnung über die volkseigenen Kombinate, Kombinatsbetriebe und volkseigenen Betriebe vom 8. November 1979. Sitz der Kombinatsleitung war Themar, später Suhl. Für bestimmte Produktbereiche wurden Leitbetriebe in Erfurt für Sitz- und Polstermöbel, in Themar für Wohn- und Schlafraummöbel, in Weißensee für Küchenmöbel, in Barchfeld für Rustikalmöbel sowie in Suhl für Rationalisierungsmittel und Zulieferungen eingesetzt.
Die Hauptaufgabe des Kombinats bestand in der planmäßigen Versorgung der Bevölkerung mit Möbeln sowie der Steigerung des Exportanteils, insbesondere in das Nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet (NSW), dass der DDR-Volkswirtschaft hohe Devisenerträge bringen sollte. Eine besondere Verantwortung trug das Kombinat in der Produktion hochwertiger Rustikalmöbel mit deren Herstellung zugleich eine maximale Holzausnutzung einhergehen sollte. Begleitend erfolgten Maßnahmen zur Sicherung und Weiterentwicklung der Zulieferproduktion in Menge und Qualität durch zentralisierte Vorfertigungsbereiche und die Einbindung spezialisierter Kooperationsbetriebe. Die Gründungskonzeption des Kombinates definierte ein breites Spektrum strategischer Entwicklungsaufgaben. Dazu gehörten der Aufbau eines leistungsfähigen Forschungs- und Entwicklungspotentials sowie der Ausbau eines eigenständigen Rationalisierungsmittelbaus, einschließlich eines zentralen Ersatzteillagers. Ziel war die technologische Modernisierung, die Durchsetzung bestverfügbarer Technologien, die Ablösung von Importen aus dem NSW und die Entwicklung eigener Schutzrechte. Für die Hauptproduktgruppen Polster-, Wohnraum-, Schlafraum- und Küchenmöbel wurden spezifische Forschungs- und Entwicklungsziele formuliert, wie die Erhöhung des Gebrauchswertes, variable Gestaltungsprinzipien oder die Standardisierung von Bauteilen als Voraussetzung für eine Großserienfertigung. Wichtige Schwerpunkte lagen außerdem in der Weiterentwicklung typischer Möbelerzeugnisse sowie Holzwerkstoffe und Holz-Plast-Kombinationen für das Kombinat. Kennzeichnend für das Kombinat war eine stark zentralisierte Planwirtschaftslogik. Produktionsprogramme, Materialzuweisungen, Exportziele und wissenschaftlich-technische Aufgaben wurden staatlich vorgegeben. Zugleich bestanden innerbetriebliche Strukturen wie Rationalisierungskollektive, Leistungsvergleiche und sozialistischer Wettbewerb, die zur Effektivitätssteigerung beitragen sollten. Die Absatzplanung erfolgte auf Grundlage vertraglicher Vereinbarungen mit Binnen- und Außenhandelsorganen. Dabei war das Kombinat an die Wahrung des staatlichen Außenhandelsmonopols gebunden.
Mit den wirtschaftlichen und politischen Veränderungen ab 1989/1990 kam es dann zur Auflösung der Kombinatsstruktur. Die einzelnen Kombinatsbetriebe wurden für eine spätere Privatisierung in juristisch selbständige Einheiten überführt. Das Kombinat selbst wurde 1990 privatisiert und in die Thüringen-Möbel GmbH Suhl, eine Holdinggesellschaft mit mehreren Tochtergesellschaften umgewandelt. Durch das spätere Insolvenzverfahren der Gesellschaft wurde sie schließlich im Jahr 2000 aus dem Handelsregister (HR) gelöscht.

Leitung des VEB Thüringer Möbelkombinats Suhl:
Leipold, Paul 1979 – 1990 [nachweisbar in der Funktion als Generaldirektor]

Bestandsgeschichte

Der Bestand von 12,68 lfm setzt sich aus Zugängen der Jahre 1987 bis 1991 vom VEB Thüringer Möbelkombinat Suhl (TMKS) und dessen Nachfolger, der Thüringen-Möbel GmbH Suhl, sowie einer Übernahme von 2,2 lfm durch die Rhenus Office AG aus dem Jahr 2014 zusammen. Die Unterlagen wurden zunächst unerschlossen und ohne technische Bearbeitung unter der Altsignatur S 151 im Archivdepot Suhl (ADS) magaziniert. Zum Bestand liegt eine Findkartei älteren Datums vor. Die zugehörige Bearbeitungsdokumentation ist als lückenhaft und inhaltlich nur eingeschränkt aus-sagekräftig zu bewerten. Eine digitale Bestandsakte wurde erst im Jahr 2025 angelegt. Im Jahr 2025 erfolgten eine vollständige Erschließung und technische Bearbei-tung des Bestandes. Im Zuge der Erschließung wurde auch die Abgabe der Rhenus Office AG aus dem Jahr 2014 einer Bewertung unterzogen. Dadurch konnten weitere 1,65 lfm an archivwürdigen Unterlagen in den Bestand eingegliedert werden. 0,55 lfm konnten wiederrum der Kassation zugeführt werden. Der Bestand steht nun unter der Bestandssignatur 4-94-433 zur Benutzung zur Verfügung.

Bestandsanalyse

Der Bestand beläuft sich nach seiner Überarbeitung auf einen Gesamtumfang von 12,68 lfm und ist vollständig erschlossen sowie technisch bearbeitet. Die Laufzeit umfasst die Jahre 1969 bis 1993, wobei der zeitliche Schwerpunkt die Jahre von 1980 bis 1989 ausmacht. Die inhaltlichen Schwerpunkte bilden die Unterlagen des Generaldirektors, der Buchhaltung sowie des Vertriebs und Absatzes des Möbelkombinates. Ebenfalls enthalten sind Unterlagen der politisch-gewerkschaftlichen Kontrollorganisationen. Der Bestand besteht zu etwa zwei Dritteln aus Sachakten und zu einem Drittel aus Foto- und Bildmaterial. Das Foto- und Bildmaterial dokumentiert insbesondere die Möbelerzeugnisse des Möbelkombinats und der Kombinatsbetriebe. Die nach 1990 datierenden Unterlagen beziehen sich überwiegend auf die Privatisierung des Möbelkombinats und der Kombinatsbetriebe. Die Unterlagen befinden sich insgesamt in einem sehr guten Erhaltungszustand. Insgesamt bietet der Bestand vielfältige Auswertungsmöglichkeiten zur Erforschung der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Funktionsweise des VEB Thüringer Möbelkombinats Suhl. Der Bestand gewährt damit Einblicke in Planungs- und Entscheidungsprozesse, betriebliche Steuerungsstrukturen, die ökonomische Leistungsfähigkeit und Planerfüllung sowie in Marktstrategien, Außenwirtschaft und Konsumkultur im sozialistischen Wirtschaftssystem.

Abkürzungen

ABI Arbeiter-und-Bauern-Inspektion
AHB Außenhandelsbetrieb
AKRE Arbeitskräfterechnung
AP Arbeitsproduktivität
BAB Betriebsabrechnungsbögen
BGL Betriebsgewerkschaftsleitung
BKV Betriebskollektivvertrag
BPO Betriebsparteiorganisation
BRD Bundesrepublik Deutschland
CAD Computer Aided Design
CAM Computer Aided Manufacturing
DM Deutsche Mark
DSF Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische-Freundschaft
EDV Elektronische Datenverarbeitung
EUWID Europäischer Wirtschaftsdienst
FDJ Freie Deutsche Jugend
FE Forschung und Entwicklung
GD Generaldirektor
GmbH Gesellschaft mit beschränkter Haftung
GO Grundorganisation
IHK Industrie- und Handelskammer
IWP Industrielle Warenproduktion
KFZ Kraftfahrzeug
LFM Leipziger Frühjahresmesse
LHM Leipziger Herbstmesse
MBL Ministerium für bezirksgeleitete Industrie und Lebensmittelindustrie
MMM Messe der Meister von Morgen
MW Materialwirtschaft
NP Nettoproduktion
NSW Nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet
ODV Abteilung Organisation und Datenverarbeitung
PC personal computer
PWT Plan Wissenschaft und Technik
RdB Rat des Bezirkes
SED Sozialistische Einheitspartei Deutschland
SKS Selbstkostensenkung
STAL Staatliche Auflagen
THA Treuhandanstalt
TKO Technische Kontrollorganisation
TMKS Thüringer Möbelkombinat Suhl
UdSSR Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken
VD Vertrauliche Dienstsache
VEB Volkseigener Betrieb
VermG Gesetz zur Regelung offener Vermögensfragen
VTR Vertragsrückstände
WT Wissenschaft/Technik
ZWS Zentrales Weisungssystem

Korrespondierende Bestände

Landesarchiv Thüringen – Staatsarchiv Meiningen
4-61-0001 Bezirkstag/Rat des Bezirkes Suhl
4-95-1201 SED-Bezirksleitung Suhl
4-94-416 VEB Qualitätsmöbel und Holzwaren Großbreitenbach

Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar
6-94-3602 VEB Möbelkombinat Erfurt

Bundesarchiv Berlin
DG 5 Ministerium für bezirksgeleitete Industrie und Lebensmit-telindustrie
DF 4 Ministerium für Wissenschaft und Technik

Literaturhinweise

- Verordnung über die volkseigenen Kombinate, Kombinantsbetriebe und volksei-genen Betriebe vom 8. November 1979.

Nutzungshinweise

Im Bestand sind unter anderem Unterlagen überliefert, die aufgrund enthaltener personenbezogener Daten einer Schutzfrist nach § 17 des Thüringer Gesetzes über die Sicherung und Nutzung von Archivgut (Thüringer Archivgesetz -ThürArchivG-) vom 29. Juni 2018 unterliegen. Deren Einsichtnahme ist nur nach genehmigter Schutzfristverkürzung möglich.