Laufzeit

1789-1837

Umfang

55 Akteneinheiten

Findmittel

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Inhalt

Die Kaufmannsfamilie Lutteroth ist für Mühlhausen von besonderer wirtschaftlicher Bedeutung. Sie war auch in politischen Ämtern und zahlreichen wirtschaftlichen Gremien der Stadt vertreten, wie im Vorstand des Gewerbevereins, des Elektrizitäts- und Gaswerks, in der Handelskammer. Ihr zu Ehren wurde 1906 sogar eine Straße benannt. Die ersten Mühlhäuser Lutteroths sind laut der Veröffentlichung von Mathilde Lutteroth in "Das Geschlecht Lutteroth", Söhne des Freisassen Caspar Lutteroth (1645-1718) zu Harkerode. Dies sind der 1675 geborene Christian Lutteroth und sein 1677 geborener Bruder Gottfried Lutteroth. Christian absolvierte in Langensalza seine Lehre zum Kaufmann in der Tuchfabrik von "Fornfeist und Auerbach" und übernahm 1710 nach deren Tod die Firma. Als diese 1711 niederbrannte, errichtete er seine eigene Textilfirma "Christian Lutteroth Söhne" noch im selben Jahr in seiner Wahlheimat Mühlhausen und erwarb hier auch 1714 das Bürgerrecht.
Er begann, mit Webwaren, Wolle, Garn und Seide zu handeln, doch anstatt diese nur weiterzuverkaufen, entschied er sich, in seine Tuchfabrik auch eine Färberei, Wäscherei und Presserei (die Stoffe wurden auch gefärbt, gewaschen und bedruckt) zu integrieren. Hergestellt wurden in den Lutterothschen Firmen vorwiegend geköperte Flanelle, Molton und andere Zeuge. Vor allem die Flanelle wurden auch mehrfach auf deutschen Gewerbeausstellungen prämiert. Durch zahlreiche Kontakte schaffte man es, Handelsbeziehungen im regionalen Bereich aber auch zu den wichtigsten deutschen Städten, wie Hamburg, Nürnberg und Frankfurt, zu den großen Überseehäfen Venedig, Bremen und Triest, Welthäfen, wie New York und Amsterdam und weiteren Metropolen, wie Mailand, London, Konstantinopel, Paris und Petersburg aufzubauen. Nachdem Christian Lutteroth 1720 gestorben war, übernahmen vorerst seine Frau Christine und sein Bruder Gottfried die Tuch- und Seidenfabrikation (= Fa. Christian Lutteroth Witwe & Bruder).
Als 1754 auch sein Bruder starb, übernahm sein Sohn Johann Christian Lutteroth (1715-1786) die Firma "Christian Lutteroth & Söhne". Dieser Tuchfabrikant war auch Senator, Dänischer Konsul und Erbherr auf Rittergut Elleben. Er führte die Firma zusammen mit seinen drei Söhnen Gottfried (1741- 1804), Christian (1744-1815) und Ascan (1747-1823) zur höchsten Blüte. 1801 teilten die drei Söhne das Stammhaus Lutteroth in drei Firmen: "Fa. Christian Lutteroth Söhne & Co.", "Fa. Heinrich & Christian Lutteroth", "Fa. Ascan Lutteroth & Co.". Sie blieben aber dank ihrer Kapitalkraft die führenden Textilfirmen in Mühlhausen. Zwei dieser Handelshäuser wurden bereits 1815 und 1827 aufgelöst, da sie entweder keine männlichen Nachkommen mehr hatten oder die Söhne in anderen Geschäftsbereichen europaweit tätig wurden, z.B. im Bankwesen oder in der Politik. Sie gründeten z. B. Bankhäuser in Leipzig, Frankfurt, Hamburg und Paris. Bis 1893 war nur noch die Firma "Ascan Lutteroth & Co." in Familienbesitz in Mühlhausen und ging dann an den Prokuristen Carl Eduard Muthreich über. Als dieser 1916 verstorben war, wurde auch jener Betrieb geschlossen.
Die Frauen der Lutteroths haben sich stark in der Armenfürsorge der Stadt engagiert, so zum Beispiel Julie Sophie Lutteroth (1792-1856). Die Tochter des Textilfabrikanten Ascan Lutteroth heiratete im Juni 1812 in Vargula ihren Cousin, den Fabrikanten und Stadtverordneten Johann Christian Lutteroth, Sohn des Mühlhäuser Bürgermeisters, Kauf- und Handelsmannes Gottfried Lutteroth-Wedekind. Ihr Mann verstarb bereits 1827 bei einem Kuraufenthalt. So widmete sich die junge Witwe verstärkt der sozialen Arbeit und stiftete 1827 für das Mühlhäuser Gymnasium und die Armenkommission. 1828 gründete sie (im Zuge der Neuordnung der Armenpflege in Mühlhausen nach den Statuten von 1822) eine "Anstalt zur Erziehung armer verwahrloster Kinder" und einen Verein zum Erhalt der Anstalt. Am 15. Juni 1835 eröffnete Julie Lutteroth eine "Kleinkinderschule" in Mühlhausen in der Jakobistraße 16 (alte Nr. 734/36), die bis heute noch, inzwischen als evangelischer Kindergarten betrieben wird.
Der letzte Vertreter der Familie Lutteroth in Mühlhausen lebte noch nach 1945 im Hause Felchtaer Straße 9.
Die Firmenunterlagen der Lutteroths im Stadtarchiv Mühlhausen, die laut Fenner größtenteils von der
Firma "Heinrich & Christian Lutteroth" (1797, 1801-1827) stammen, bestehen aus 55 Kassenbüchern (darunter Hilfs- und Nebenbücher, Hauptbücher, Inventur- und Bilanzbücher, Kapitalbücher und einem Musterbuch aus dem Zeitraum 1789 bis 1837. Sie verzeichnen v.a. Waren-, Wechsel- und Geldein- und -ausgänge der Firma. Die Kassenbücher, die von Fenner bereits geordnet und signiert worden waren, beinhalten auch Registerverzeichnisse mit den Namen der Städte befinden, die sie belieferten. Das genaue Datum der Abgabe ist nicht mehr bekannt, doch da die Bücher in dem Buch "Das Handelshaus Lutteroth in Mühlhausen" (1934) von Fritz Fenner als Quelle benutzt wurden, können wir die Abgabe der Bücher im Stadtarchiv auf vor 1934 datieren. Auch wer den Nachlass abgab, ist nicht mehr bekannt. Vermutet wird, dass es eines der Familienmitglieder der Lutteroths war.
Zum Grundbesitz der Familie gehörten im Mühlhäuser Raum u.a. die Häuser Erfurter Straße 3,5 und 6, Felchtaer Str. 9, 10, 12, 29 und 30, Jakobistraße 3, Holzstraße 12, Untermarkt 12 und 13 und 21, die Mahl,- Öl- und Walkmühle in Görmar, die Obermühle am Popperöder Bach, die Pfeffermühle und die Rittergüter in Groß- und Kleinvargula.
Firmengebäude in der Wanfrieder Straße/Ecke Lutterothstraße auf dem Gelände des ehemaligen
Lutterothschen Familiengartens.

Quellen:
Fenner, Fritz: Das Handelshaus Lutteroth in Mühlhausen. Mühlhausen 1934. (Mns. )
Preuß, Adolf: Aus der Geschichte einer Mühlhäuser Kaufmannsfamilie; Mühlhausen um 1975 ( Mns.).
Lutteroth, Mathilde: Das Geschlecht Lutteroth. Hamburg 1902.
Haendly, Karl Paul: Das kurmainzische Fürstentum Eichsfeld im Ablauf seiner Geschichte, seine Wirtschaft und seine Menschen 897-1933. Duderstadt: Mecke, 1996.