Preface
Der erste Teil (ca. 0,5 lfm) des Nachlasses Wilhelm Gonnermann, der hauptsächlich aus Musikalien bestand, wurde am 17.03.1995 von der Ehefrau des Verstorbenen dem Thüringischen Staatsarchiv Rudolstadt übergeben. Die Erschließung erfolgte bereits im April 1995. Die persönlichen Unterlagen des Verstorbenen (ca.1 lfm) gelangten am 04.05.1998 über Herrn Helmut Tzschöckell im Auftrag von Frau Gonnermann in das Staatsarchiv. Die Ordnungs- und Verzeichnungsarbeiten an den persönlichen Unterlagen erfolgten ab Oktober 1998. Für die Bearbeitung und Zusammenführung der beiden Teilbestände kam das EDV-Archivprogramm "Faust" zum Einsatz. Nach dem Ableben von Frau Gonnermann wurden im Frühjahr 2017 die Bestände durch weitere Dokumente und Gegenstände aus dem Besitz Wilhelm Gonnermanns ergänzt und die Gesamtdokumentation durch die Tochter Wilhelm Gonnermanns überarbeitet. Im September 2022 wurden zwei weitere Akten (Nr. 82 & 83) dem Bestand angefügt.
Wilhelm Gonnermann wurde am 17.10.1909 als dritter und jüngster Sohn des Postbeamten Max Gonnermann und seiner Ehefrau Olga geb. Friedrichs in Allstedt (Landkreis Mansfeld-Südharz) geboren. Die Familie kam 1912 nach Rudolstadt und wohnte damals in der Augustenstraße 39. Der schon als Kind herausragendes musikalisches Talent aufweisende Wilhelm verließ 1926 die Oberrealschule nach dem Examen der Mittleren Reife, um am Konservatorium für Musik in Jena bei Prof. Willy Eickemeyer Pianistik zu studieren. Auf das Abiturientenexamen bereitete er sich extern vor und legte es 1929 an der Oberrealschule ab. Am Konservatorium erhielt er glänzende Beurteilungen. Im März 1930 bestand er das Examen des "Verbandes Deutscher Konservatorien und Musikseminare" für Klavier Oberstufe mit der Note "Sehr gut, mit Auszeichnung" und gewann das Diplom des Verbandes. Im Februar 1931 folgte die Staatliche Privatmusiklehrerprüfung. Von Mai 1930 bis November 1935 leitete Wilhelm Gonnermann eine Ausbildungsklasse am Konservatorium bis zum Tode von Prof. Eickemeyer. Danach war er schwerpunktmäßig als Privatmusiklehrer für den Raum Rudolstadt tätig. Seine erfolgreiche Konzerttätigkeit fand lebhaften Widerhall in der Presse, er begleitete u. a. renommierte Vokalisten wie Paula Lindberg, Lore Fischer, Käte Heidersbach, Leo Schützendorf und Marcel Wittrisch.
Im Mai 1934 heiratete er seine Jugendliebe Charlotte Sergel. Die Ehe blieb kinderlos und wurde im Januar 1948 geschieden.
Während des 2. Weltkrieges wurde Wilhelm Gonnermann im Rahmen der Truppenbetreuung für Konzerttourneen in Norwegen und Holland verpflichtet. Im März 1943 wurde er als Nachrichtensoldat eingezogen und kam 1944 zu einer Nachrichteneinheit in Griechenland. Nach kurzer Kriegsgefangenschaft kehrte er im Juni 1945 nach Rudolstadt zurück und begann sofort mit einer regen Konzert- und Referententätigkeit sowie dem Klavierunterricht. Insgesamt weist seine Statistik seit 1932 über 160 Schüler aus dem Thüringer Raum aus. Als Pianist wirkte er bis 1951 freischaffend und gestaltete als Solist und Kammermusiker ca. 120 Musiksendungen des Landessenders Weimar mit, wobei ihm das zeitgenössische Musikschaffen besonders am Herzen lag.
Im November 1948 heiratete er die verwitwete Ruth Müller-Jahreis, die einen siebenjährigen Sohn mit in die Ehe brachte. Im Oktober 1952 wurde die gemeinsame Tochter Claudia geboren.
Die Ende 1950 erfolgte Berufung als Dozent an die Staatliche Musikhochschule Weimar nahm Wilhelm Gonnermann nicht an, da ihn zeitgleich der Leiter der Hauptabteilung Musik beim Berliner Rundfunk, Prof. Hans Pischner, aufforderte, als Pianist für solistische und kammermusikalische Aufgaben an den Rundfunk zu kommen. Die Familie verlegte 1951 ihren Wohnsitz nach Kleinmachnow bei Berlin. Während seiner elfjährigen Tätigkeit beim Berliner Rundfunk, später dem Staatlichen Rundfunkkomitee, interpretierte Gonnermann eine Vielzahl von Gegenwartskomponisten, wie z. B. Max Butting, Kurt Schwaen, Gerhard Rosenfeld, Manfred Schubert und Joachim Thurm, welche ihm einige ihrer Werke widmeten. Er spielte über 70 Ursendungen ein und war außerdem ein gesuchter Kammermusikpartner und Liedbegleiter; ca. 1200 Sendungen mit seiner Beteiligung wurden ausgestrahlt.
Konzerttourneen im Rahmen der "Stunde der Musik" mit Spitzenkünstlern wie den Geigern Vása Príhoda und Dénes Zsigmondy, dem Cellisten Ferdinand Danyi und den Sängerinnen Clara Ebers und Elisabeth Ebert führten Wilhelm Gonnermann in zahlreiche Städte des Landes.
Seit 1959 hatte er auf Wunsch von Prof. Dr. Fritz Reuter einen Lehrvertrag am Institut für Musikerziehung der Humboldt-Universität, 1962 wurde er zum Lektor für Klavierspiel an das Institut berufen und 1969 zum Professor mit künstlerischer Lehrtätigkeit an der Sektion Ästhetik und Kunstwissenschaften ernannt. Er arbeitete in der erweiterten Institutsleitung mit und leitete die Fachgruppe Klavier. Außerdem leistete er intensive musikpropagandistische Öffentlichkeitsarbeit zum Verständnis zeitgenössischen Musikschaffens, indem er an zahlreichen Orten Diskussionskonzerte mit neuen Werken von DDR-Komponisten durchführte und deren Gestaltungsweise und Anliegen auf anschauliche und anregende Art erläuterte. Er publizierte auch zur Entwicklung der Klaviermusik in der DDR.
Nach seiner Emeritierung verlagerte er seinen Schaffensschwerpunkt nach Potsdam und beschäftigte sich intensiv mit dem Wirken des zweitältesten Bach-Sohnes Carl Philipp Emanuel Bach am Hofe Friedrichs II. Die Gründung des Arbeitskreises "Carl Philipp Emanuel Bach" bei der Bezirksleitung des Kulturbundes der DDR im Jahre 1979 ist ihm als Initiator zu verdanken. Durch Vorträge, Demonstrationskonzerte und Publikationen schuf er Verständnis für die große Bedeutung des "Berliner Bachs" als Mittler zwischen Barock und Klassik. Als Wilhelm Gonnermann am 26.6.1992 in Potsdam verstarb, verlor das Musikleben einen Künstler, welcher von Hanns Eisler als "einer der besten Interpreten zeitgenössischer Klavierkunst" bezeichnet worden war. Besonders hervorzuheben ist dabei die Vielseitigkeit des Musikers, die sich in seinem künstlerischen Wirken als Pianist, seiner musikwissenschaftlichen Tätigkeit sowie in seinem kulturpolitischen Engagement zeigte. Nicht unerwähnt sollen außerdem seine weiteren Interessen bleiben, die ihn kennzeichneten. Seine Begeisterung für die schöngeistige Literatur von der Antike bis zur Moderne, insbesondere das Werk Goethes, führte zum Aufbau einer umfangreichen Privatbibliothek. Wilhelm Gonnermann war auch leidenschaftlicher Naturliebhaber und verfügte über profunde Kenntnisse der heimischen Flora und Fauna; seine Beobachtungen zeichnete er in seinen naturwissenschaftlichen Tagebüchern auf. All dieses Wissen floss in seine zutiefst humanistische Weltanschauung ein, die er unermüdlich zu vermitteln suchte. So hat er auf vielen Gebieten wertvolle Spuren hinterlassen.
Berlin, den 20. Juli 2017
Dr. Claudia Brückner geb. Gonnermann
(Dipl.-Biologin)
Rudolstadt, den 19. März 1999
Andrea Esche
(Archivoberinspektorin)