Preface

1862 gründeten die Brüder Georg und Christian Thiel die Metallwarenfabrik Gebr. Thiel in Ruhla. Zur Produktion von verschiedenen Metallwaren kam die Fertigung von Kinderspieluhren als Vorläufer der späteren Uhrenproduktion und ab 1890 die erste Taschenuhr hinzu. Gleichzeitig wurde der Grundstein für die Selbstherstellung der für die Uhrenproduktion erforderlichen Werkzeugmaschinen gelegt.
Am 1. Januar 1901 erfolgte die Umwandlung der Firma in die Gebr. Thiel GmbH Ruhla. Im Aufsichtsrat und in der Geschäftsleitung hatten die Familie Thiel und deren nächste Verwandte die absolute Verfügungsgewalt. Neben verbesserten Uhrenmodellen wurde die Zentralschlosserei (Centralwerkstatt) so weit entwickelt, dass sie die Maschinenfabrikation zum Verkauf produzieren konnte. Seit 1910 begann die Produktion von Armbanduhren und 1913 von Taschenweckern. Der Einstieg in das Rüstungsgeschäft erfolgte 1909 und wurde bis 1945 beibehalten.
1910 gründete das Unternehmen in London eine Verkaufsniederlassung, da nahezu 50 % des Uhrenexportes der Gebr. Thiel GmbH Ruhla nach England und dessen Kolonien ging. 1927 wurde die Niederlassung in eine Tochtergesellschaft, der Thiel Brothers Ltd. London, umgewandelt, die bis zum Ausbruch des 2. Weltkrieges existierte.
Da das Ruhlaer Unternehmen ständig vergrößert worden war, wurde 1897 ein Zweigwerk in Seebach gebaut, welches zum Hauptproduzenten mechanischer Zünder avancierte. 1922 wurde der Zweigbetrieb in eine Tochtergesellschaft des Ruhlaer Unternehmens, in die Gebr. Thiel Seebach GmbH umgewandelt, zu welchem auch ein Werk in Waltershausen gehörte. In der Tochtergesellschaft fand ausschließlich die Zünderproduktion statt. 1933 wurden die bestehenden Fabrikationsstätten durch zahlreiche Neubauten erweitert, die Außenstelle in Waltershausen 1936/37 zu einem Großbetrieb ausgebaut.
1934 begann der Thiel-Konzern für die Zünderproduktion mit dem Aufbau eines Zweigwerkes in Mühlhausen, welches eine Tochtergesellschaft der Gebr. Thiel Seebach GmbH war und im April 1938 mit der vollen Fertigung beginnen konnte.
1932 wurde Reinhold Thiel alleiniger Geschäftsführer des gesamten Unternehmens, einschließlich der Zweigbetriebe und Außenstellen. Unter seiner Leitung wurde speziell der Werkzeugmaschinenbau für die deutsche Rüstungsindustrie forciert sowie die feinmechanisch-optische Industrie zu einem der dominierenden Industriezweige in Thüringenausgebaut. 1935 wurde Dr. Reinhold Thiel Leiter der Wirtschaftskammer Thüringens sowie Mitglied und Beirat der Reichswirtschaftskammer. 1940 erfolgte seine Ernennung zum Reichsehrenrichter und Reichswirtschaftsführer. Der Thiel-Konzern setzte sich Ende der 1920iger Jahre aus zwei Gesellschaften, der Gebr. Thiel GmbH Ruhla und der Gebr. Thiel Seebach GmbH zusammen. Beide Gesellschaften behielten auch im Verlauf der Ausdehnung des Konzerns nach 1933 ihren Status als Familiengesellschaften. Mit Ausbruch des 2. Weltkrieges wurde die Zeitzünderproduktion weiter ausgebaut und die Uhrenproduktiongedrosselt. Im Mai 1943 erhielt der Betrieb die Auszeichnung als Kriegsmusterbetrieb, welcher während des Krieges auch zahlreiche Fremd- und Ostarbeiter sowie im Werk Mühlhausen KZ-Häftlinge beschäftigte.
Nach Beendigung des 2. Weltkrieges ruhte der Betrieb etwa 3 Monate. Am 13. Juli 1945 erfolgte die Beschlagnahme der Betriebe des Thiel'schen Unternehmens zugunsten des Landes Thüringen. Die Werke der Tochtergesellschaft Seebach wurden demontiert, die Gebäude in Mühlhausen demontiert und gesprengt. Das Ruhlaer Stammwerk und seine Filialen Apolda und Meiningen begannen, nach Abwendung der Demontage, in kürzester Zeit wieder mit der Herstellung von Uhren und Maschinen. Zwecks Begleichung von Reparationsleistungen für die UdSSR wurde das Werk ab 1. April 1946 als sowjetische Aktiengesellschaft (SAG) für Präzisionsmaschinenbau Berlin-Weißensee, später SAG "Totschmasch" und SAG "Awtowelo" der UdSSR übereignet.
Am 1. Mai 1952 übergab die Regierung der UdSSR die Uhren- und Maschinenfabrik Ruhla, einschließlich der Zweigbetriebe in die Hände der DDR. Bereits 1953 wurde ein neues Sortiment Uhren (z. B. Stoppuhr mit Schweizer Ankergang, Blindenwecker, Blindenarmbanduhr u. a.) in die Produktion aufgenommen. Zu diesem Zeitpunkt begann die langjährige Rekonstruktion des Werkes und technische Erneuerung des Produktionsablaufes.
Am 1. Mai 1967 erfolgte der Zusammenschluss der bedeutendsten Uhrenhersteller der DDR, die Uhrenfabriken Ruhla, Glashütte und Weimar, in den VEB Uhren- und Maschinenkombinat Ruhla. Im Stammwerk Ruhla hatte die Kombinatsleitung seinen Sitz. Im Uhrenbau wurden neben der Bereinigung des Produktionssortimentes, der Standardisierung der Einzelteilfertigung neue moderne Grundtypen von Uhren geschaffen. Neben einer neuen Baureihe von Universal-Werkzeugfräsmaschinen hielt die Mikroelektronik Einzug in den Maschinenbau, der Anfang der 70iger Jahre die modernste neue Produktionsstätte in Seebach erhielt.

Die Akten zum Bestand wurden im Jahre 1989 mit einer Verzeichnungskartei, welche Archivar Bertram Siegel erstellt hatte, übernommen. 2013 erfolgte die Retrokonvertierung der Findkartei. Dabei wurde festgestellt, dass aufgrund der häufig auftretenden Strichnummern eine Umsignierung des Bestandes notwendig war. Dies erfolgte im Zusammenhang mit einer Revision 2013 von Frau Bettina Töpfer. Im gleichen Zuge wurde eine Systematik erstellt, die Akten zugeordnet und die Verzeichnung ergänzt.
Der Aktenbestand hat einen Umfang von 32,9 lfm mit 1558 Akteneinheiten.

Zitierweise: Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar, Uhrenwerke Ruhla Nr. …